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„Out of the Box“-Strategien für den Pflanzenbau der Zukunft: Anbausysteme erfolgreich verbinden

Out of the Box
DLG Europa
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Out of the Box

Bildquelle: DLG e.V.

Leitthema der DLG-Feldtage 2024 „Pflanzenbau out of the Box“ steht für das fruchtbare Miteinander verschiedenen Anbausystemen im Ackerbau – Besonderes Augenmerk liegt auf der Bodenstruktur - Fachbeitrag analysiert Synthesen verschiedener ackerbaulicher Ansätze von Strip-Till über Agroforst-Systeme bis hin zu breiten Fruchtfolgen und Präzisionslandwirtschaft

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Anbausysteme wie Ökolandbau und konventioneller Ackerbau waren früher scharf abgegrenzt: Kreislaufwirtschaft, Vielfalt und niedrige Erträge auf der einen, starker Betriebsmitteleinsatz, wenige Kulturen und hohe Erträge auf der anderen Seite. Doch zwischen beiden Seiten gibt es heute ein fruchtbares Miteinander. Der Fokus auf Bodenstruktur spielt dabei eine wichtige Rolle. Der vorliegende Fachbeitrag zeigt auf, dass Verbindungen von Methoden aus verschiedenen Systemen wie etwa dem ökologischen und konventionellen Ackerbau exemplarisch für das Leitthema „Pflanzenbau out of the box“ der DLG-Feldtage 2024 stehen.

Die DLG-Feldtage finden vom 11. bis 13. Juni auf dem Gut Brockhof bei Erwitte im Kreis Soest in Nordrhein-Westfalen statt. 

Warum Landwirt Jan Große-Kleimann mit einer Tradition bricht

Landwirt Jan Große-Kleimann aus dem Münsterland hat mit einer Tradition gebrochen und im letzten Jahr seinen Pflug verkauft. Bodenbearbeitung macht er nur, wenn es unbedingt erforderlich ist. Wenn möglich, setzt er auf Direktsaat. Seine Überzeugung: Pflügen zerstöre die Bodenstruktur wie Regenwurmgänge innerhalb der Pflugkrume, reduziere die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens und fördere Erosion sowie Unkrautbildung. In seinem Kopf stehe bei seinem Ansatz, der regenerativen Landwirtschaft, zuvorderst die Frage: „Was kann ich heute unterstützen“ und nicht, was könne er heute bekämpfen. Das wichtigste Prinzip der regenerativen Landwirtschaft ist, den Boden- und Ökosystemaufbau in den Fokus des Handels zu stellen.

Jan Große-Kleimann<br>BILDQUELLE: DLG e.V.

Regenerative Landwirtschaft: Auf Pflanzenschutz ganz verzichten?

Die Regenerative Landwirtschaft biete für Große-Kleimann die vielversprechendsten Lösungsansätze für die großen Herausforderungen unserer Zeit: Klimaschutz und -anpassung, Artensterben, Einbezug der Gesellschaft und Ernährungssicherheit. Doch dafür müsse man „den vollen Werkzeugkoffer inklusive Glyphosat und Strip-Till nutzen dürfen - wenn es die Witterungsbedingungen nicht anders zulassen“. Das Ziel dabei sei es, den Bodeneingriff komplett einzustellen und die Abhängigkeit von fossilbasierten, externen Inputs auf ein Minimum zu reduzieren.

Wie gesunde Bodenstruktur Pflanzen stärkt

Die Überzeugung des Landwirts: Je gesünder Bodenleben und Bodenstruktur, desto weniger krank würden seine Pflanzen. Sie könnten sich bedarfsgerecht ernähren und Nährstoffe aufnehmen, wenn sie sie bräuchten. Über die Wurzelausscheidungen, die Exsudate, sorgten die Kulturen selbst dafür, dass die Bodenlebewesen ihnen die notwendigen Nährstoffe zur Verfügung stellten. Er müsse dann weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen. Damit schließt sich für Große-Kleimann ein Kreis, der vor einigen Jahren begann, als er sich die Frage stellte, was er angesichts stagnierender Erträge, immer weniger effektiver Spritzmittel und steil anwachsender Auflagen tun könne: Regenerative Landwirtschaft ist seine Antwort.

Weshalb Agroforst fester Teil der Lösung ist

Auf zehn Hektar hat Große-Kleimann mit seinen Erfahrungen regenerativer Landwirtschaft einen weiteren Versuch unternommen: Agroforst mit Apfelbäumen, zwischen denen er auf 30 Meter breiten Streifen Ackerbau betreibt. Der riesen Vorteil dieser Landnutzungsform liegt für ihn in der Multifunktionalität: Die Synergieeffekte zwischen den Bäumen und der Ackerkultur sorgen für Erosionsschutz, Klimaschutz und Resilienz, Förderung der Artenvielfalt, Erhöhung der Flächenproduktivität sowie Grundwasserschutz. Darüber hinaus werde die Bevölkerung miteingebunden und der ländliche Raum strukturell aufgewertet.

Große-Kleimanns Traum und Herausforderungen

Das langfristige Ziel sei es, die Wertschöpfung durch regionale Direktvermarktung im Betrieb zu halten. Die Vermarktung von Brotgetreide mit einer regionalen Bäckerei sei ein erster Schritt, in zwei Jahren gelte es dann, die Direktvermarktung der Äpfel umzusetzen. Die Herausforderung sei für ihn und den Betrieb die „Mitnahme“ der lokalen Bevölkerung, damit diese Form der Vermarktung nachhaltig funktionieren kann. Daher sollen auch Bildung und Kultur zukünftig eine Rolle im Betrieb spielen. Der Erfolg hängt letztlich auch davon ab, ob die Gesellschaft bereit ist, für Gemeinwohlleistungen zu bezahlen. Dann hätten Landnutzungsformen wie Agroforst, die nachweislich den Zielkonflikt aus Naturschutz und Produktivität auflösen, auch die verdiente ökonomische Perspektive.

Anna Catharina Voges‘ Motto: Im Einklang mit natürlichen Kreisläufen

Dr. Anna Catharina Voges, Gesellschafterin des Familienbetriebes Saat-Gut Plaußig Voges KG mit rund 2.500 Hektar am Stadtrand von Leipzig, befindet sich ebenfalls auf der Reise zwischen konventionellem Ackerbau und Ökolandbau. Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern wirtschaftet sie auf  dem Großteil der Flächen konventionell, seit 2016 wird aber auf einem kleinen Teil auch biologisch gearbeitet. Das Motto auf Saat-Gut Plaußig, im Einklang mit natürlichen Kreisläufen, präge die Arbeitsweise und sei nicht nur in der ökologischen Landwirtschaft möglich. Das Agrarunternehmen setze auf integrierten Pflanzenschutz, Zwischenfrucht-Anbau und eine breite Fruchtfolge, betont Voges. Wie bei Große-Kleimann legt man auch auf ihrem Betrieb besonderes Augenmerk auf die Bodenstruktur. Boden sei nicht vermehrbar, aber durch unsachgemäße Bearbeitung leicht zu zerstören.

Anna Catharina Voges<br>BILDQUELLE: DLG e.V.

Standort und Markt beeinflussen Anbauentscheidung

Zwar werde die grundsätzlichen Anbauentscheidung, welche Kultur und welche Sorte angebaut werden, in erster Linie nach dem Standort gefällt. Aber auch der Markt beeinflusse diese Entscheidung. „Wir können ja keine Kultur anbauen, die am Ende nicht abgekauft wird. Das gilt für ökologisch und konventionell wirtschaftende Betriebe gleichermaßen“, betont Voges. Als Beispiel nennt sie den Leguminosen-Anbau, der auf ihrem Betrieb momentan nicht weiter ausgebaut werde, weil man die Erzeugnisse nicht verkaufen könne.

Auf die Technik kommt es an

Dem Einsatz von modernen Technologien wie Präzisionslandwirtschaft misst der Betrieb Saat-Gut Plaußig große Bedeutung zu, da dadurch Produktionsprozesse vereinfacht und gleichzeitig die Umwelt geschont und Erträge gesteigert werden. Beispielsweise wird in der Düngung routinemäßig mit dem N-Sensor gearbeitet, um die Kulturpflanzen bedarfsgerecht zu versorgen. Zum Standard gehören auch Düngerstreuer und Pflanzenschutzspritze mit GPS-gesteuerter Teilbreitenschaltung, die ein präziseres und effizienteres Düngen und teilflächenspezifisches Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln ermöglichen. Kameragesteuerte Hacken vereinfachen die mechanische Unkrautbekämpfung nach der Aussaat. Um Abläufe zu optimieren, wird außerdem der Einsatz von Drohnen getestet.

Pflanzenschutz trägt zur Ertragssicherung bei

Voges möchte erreichen, dass durch kluge Sortenwahl und angepasste Produktionstechnik, Pflanzenschutz- und Düngemitteleinsatz so weit als möglich eingeschränkt werden. Ein gutes Indiz, wie stark der Infektionsdruck sei, seien ihre Ökoflächen. Bei gleicher Kultur und Sorte könne man den Pilzbefall in der Ökofläche gut beobachten. „Dadurch wird man bei den konventionellen Flächen manchmal etwas gelassener, was den Einsatz von Fungiziden betrifft“, sagt Voges. Für sie punktet die konventionelle Landwirtschaft stark in der Ertragssicherheit. „Im Hinblick auf die Ernährungssicherheit sollte man das nicht unterschätzen. Ich glaube, dass wir diese Sicherheit ein bisschen aufgeben, wenn immer mehr Getreide ökologisch produziert werden soll“, so Voges. Daher appelliert sie an den Ökolandbau, sich der Züchtung und dem züchterischen Fortschritt so zu öffnen wie im konventionellen Ackerbau und dort Methoden zuzulassen, die Ertragsstabilität zumindest sichern.

Was Ökolandbau und konventioneller Ackerbau voneinander lernen können

Beide Seiten sollten sich von ihrer Ideologie verabschieden und auf einer sachlichen Ebene die jeweiligen Vor- und Nachteile der Systeme bewerten, empfiehlt Voges. Ihrer Einschätzung nach wird sich langfristig eine Mischung aus konventioneller und ökologischer Landwirtschaft durchsetzen. Dies sei eine Landwirtschaft, die zwar nach wie vor synthetische Düngemittel und bestimmte chemische Pflanzenschutzmittel verwende. Genauso nutze sie aber Methoden aus der Ökolandwirtschaft wie Striegel oder Hacke. Wie stark sich dann davon der heutige Ökolandbau noch abgrenzen werde, bleibe abzuwarten.

An Verbraucher appelliert Voges, nicht nur Ökolandbau zu fordern, sondern auch über die Arbeitsbedingungen dort nachzudenken. Im Biobereich gebe es beispielsweise viel Handarbeit und die Arbeitsbedingungen seien mitunter schwierig. Sie erklärt: „Während beispielsweise beim Bio-Rhabarber-Anbau Menschen per Hand Unkraut mechanisch bekämpfen, kann im chemischen Pflanzenschutz der Mitarbeiter wesentlich komfortabler in der klimatisierten Schlepperkabine sitzen“. Bestimmte Kulturen im Biobereich seien für sie erst wieder anbauwürdig, „wenn die Arbeitsbedingungen besser werden und mehr Robotik eingesetzt wird“, sagt Voges.

Quelle: DLG e.V.