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Mehr als 150 Teilnehmer kamen zum VDBUM-Branchentreff nach Stockstadt. Gehe zu Fotos
Mehr als 150 Teilnehmer kamen zum VDBUM-Branchentreff nach Stockstadt.

Ein starkes Mandat für den VDBUM

Der vom Verband der Baubranche, Umwelt- und Maschinentechnik (VDBUM) ausgerichtete Branchentreff „Digitale Standardisierung für Baumaschinen und Baugeräte im BIM-Prozess“ hat aufgezeigt, dass es auf dem Weg zur Digitalisierung viele Insellösungen gibt, das Thema generell jedoch an Fahrt gewinnt. Die überwältigende Mehrheit der Teilnehmer erteilte dem Verband das Mandat, die Entwicklung einer neutralen Web- oder FMS-Schnittstelle voranzutreiben.

„Wir wollen den Status quo und das Stimmungsbild der Branche erfassen“, sagte VDBUM-Präsident Peter Guttenberger bei der Begrüßung der 152 Teilnehmer, die am 29. und 30. Oktober in das Veranstaltungszentrum Coreum in Stockstadt/Rhein gekommen waren. Ziel des ersten Branchentreffs dieser Art sei, Möglichkeiten zur Optimierung der digitalen Produkte zu erarbeiten. Der VDBUM treibt die Digitalisierung im Baumaschinenbereich seit Langem voran und hatte über den Arbeitskreis Telematik die Grundlagen der ISO Norm 15143-3 zur Datenstandardisierung von Erdbaumaschinen geschaffen.

Im Impulsvortrag der zweitätigen Veranstaltung bezeichnete Dr. Rainer Bareiß (Wolff & Müller Holding GmbH & Co. KG) die Schaffung einer Plattform für alle Maschinen als unabdingbar. „Wenn jeder Hersteller seinen eigenen Standard etabliert, dann werden wir nicht zusammenarbeiten können“, warnte Bareiß. Diese Herausforderung markierte das Schwerpunkthema von acht Podiumsgesprächen, in denen rund 40 Experten das Thema Digitalisierung aus den Blickwinkeln der Veranstaltungsteilnehmer - Anwender, Anbieter, Vermieter und Serviceanbieter – vertieften. Die Gesprächsrunde begann mit dem Thema „Bauanwendungen der digitalen Wissenschaft und künstlichen Intelligenz“ unter der Moderation von Prof. Dr. Jan Scholten (IBAF-Institut für Baumaschinen, Antriebs- und Fördertechnik GmbH). Dr. Marcus Müller (Strabag AG) begrüßte Experten zum Thema „Steuerungs- & Innovationssysteme“. Zur „Digitalen Effizienz in der Bauwirtschaft“ befragte Prof. Manfred Helmus (Universität Wuppertal) Vertreter aus Bauindustrie und Mittelstand. Baumaschinen- und Baugerätehersteller beantworteten die Fragen von Richard Honig (Max Bögl Transport & Geräte GmbH & Co. KG) zur „Standardisierung der Telematik für Maschinen und Gerätetechnik“. Moderator Manfred Caillé sprach mit Anbaugeräteherstellern über die „Standardisierte Ansteuerung von Anbaugeräten“. Fabian Markmann (Liftcontor GmbH) interviewte „Vermieter im digitalen Bauprozess“. Wolfgang Lübberding (VDBUM-Geschäftsstellenleiter) moderierte die abschließende Runde „Herstellerunabhängige Softwarelösungen als ganzheitliche oder Teilanwendung“. Erstmals bei einer VDBUM-Veranstaltung hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, mit Fragen und Anregungen über das Smartphone direkt an den Podiumsgesprächen mitzuwirken, was zu einem lebendigen Austausch führte.

Offene Schnittstellen gewünscht

Vertreter der Bauindustrie mit einem gemischten Maschinen- und Anbaugerätebestand sowie Anbieter von Steuerungstechnik äußerten den Wunsch, alle relevanten Maschinendaten in einer Cloud vorzufinden. Dafür müssten die Maschinenhersteller ihre Schnittstellen öffnen und perfekt beschreiben. Klärungsbedarf zeigte sich hinsichtlich der Frage, wer als Eigentümer der Daten zu betrachten ist. Markus Lange (Zeppelin Baumaschinen GmbH) nannte die ISO Norm 15143-3 eine Arbeitsgrundlage auf dem Weg zu einer herstellerübergreifenden Standardisierung. Am Beispiel Leerlauf beschrieb er, dass die Definitionen der einzelnen Unternehmen derzeit weit auseinander liegen.

Die Vertreter der Hersteller von Anbaugeräteherstellern würden eine Bedienung über die Hauptsteuerung bevorzugen. Um ihren Kunden aktuell einen Mehrwert zu bieten, befinden sich mehrere Unternehmen im Austausch, erarbeiten Schnittstellen und einheitliche Standards. Auch auf dem Mietmarkt spielt die Digitalisierung eine zunehmend wichtige Rolle, etwa bei Fragen zum Standort, den Einsatzzeiten oder dem Wartungsbedarf. Künstliche Intelligenz (KI) wird in der Baubrache eine wichtige Position einnehmen. Bis die autonome Baustelle aber Realität wird, werden noch Jahre vergehen. Dr. Ralf Schäfer (Fraunhofer Heinrich- Hertz-Institut) erklärte, dies sei dann möglich, wenn KI-gestützte Baumaschinen gelernt hätten, verlässlich die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auf die Frage nach konkreten KI-Einsatzbereichen nannte Prof. Frank Will (TU Dresden) die Bodenerkennung, Prof. Manfred Helmus (Bergische Universität Wuppertal) sah bei Verträgen und der Bauausführung Möglichkeiten zur Erhöhung der Sicherheit, Dipl.-Ing. Florian Wenzler (TU München) ergänzte dies um die Personen- und Warenerkennung. Dass viele Entwicklungen nicht schneller gelängen, liege auch an veralteten Lehrinhalten und der schlechten Ausstattung mancher Hochschule, kritisierte Prof. Helmus. Er forderte eine Aufstockung der Geldmittel für Forschung und Lehre.

Zu wenig BIM-Kenntnis

Zum Thema „Digitale Ausschreibungsformate und BIM-Planungen“ hatte der VDBUM Vertreter von Auftraggebern der öffentlichen Hand und privaten Großinvestoren eingeladen, die aber leider kurzfristig absagten. Damit dieses Thema aber auf der Agenda blieb, sprang VDBUM-Geschäftsführer Dieter Schnittjer als Moderator ein und sprach mit Marcus Wruck (DigiBau GmbH) über den aktuellen Stand. Wruck berichtete, dass auf der Bahnstrecke Karlsruhe-Basel einige Building Information Modeling-Projekte (BIM) gelaufen sind und die Bahn hier 2020 in die digitale Ausschreibung gehen wolle. Gleichzeitig, das zeigte die folgende Gesprächsrunde, verfügen viele Planer noch über wenig Kenntnis in Sachen BIM. Auch gibt es in diesem Bereich derzeit zu viele Insellösungen, da Standards und Schnittstellen noch nicht definiert sind. Alexander Kropp (Max Bögl BIM-Team) wies darauf hin, dass vielerorts Führungskräfte mittleren und höheren Alters die Entwicklungen nicht mit der gebotenen Dynamik steuerten, gerade sie müssten aber vorangehen und die Mitarbeiter motivieren.

Diese Thematik nahm Saskja Grossmann (Onestoptransformation AG) zu Beginn des zweiten Veranstaltungstags auf. „Menschen sind das wichtigste Gut“, sagte die Digital Learning Strategy-Expertin und rief die Unternehmen auf, sich neuen Arbeits- und Organisationsformen zu öffnen. Die Rolle von Führungskräften in der digitalen Welt ändere sich, „sie werden zu Trainern“. Auch Qualifizierung müsse neu gedacht werden, da die Halbwerkzeit von Wissen rapide sinke, im EDV- Bereich betrage sie gerade einmal zwei Jahre. Assessor jur. Phillip Fischer (scope & focus Service-Gesellschaft mbH) referierte zum Thema Datenrechte und gab der Branche auf, einen gemeinsamen Verhaltenskodex zu entwickeln, bevor der Gesetzgeber unerwünschte Regelungen treffe.

Aufschlussreiche Speed-Workshops

Im Anschluss durchliefen die Teilnehmer in kleinen Gruppen sechs 30-minütige Workshops, in denen gemeinsam mit den Workshop-Leitern aus Bauwirtschaft und Industrie Denkmodelle und Lösungsansätze erarbeitet wurden. Da die Meinung der Teilnehmer nach jeder Station digital abgefragt wurde, konnte VDBUM-Präsident Peter Guttenberger bereits zum Veranstaltungsende neben dem gewünschten Stimmungsbild auch konkrete Ergebnisse des Branchentreffs vorstellen.

Im Workshop „Telematik / Baumaschinen & Geräte“ freute sich Workshop-Leiter Jens Kleinert (GP Papenburg Maschinentechnik GmbH) über „kontroverse und konstruktive Diskussionen“. 53,13 % der Teilnehmer erachteten eine Ausweitung der ISO auf alle Baugerätearten als sehr wichtig, weiteren 30 % ist das Thema überwiegend wichtig. Eine deutliche Mehrheit sprach sich für eine Erweiterung der Telematik auf andere Datenarten wie Qualität, Menge, Geländemodell, Planungsdaten aus. Der Frage, ob der VDBUM ein Mandat erhalten soll, hauptamtlich die Entwicklung einer neutralen Web- oder FMS-Schnittstelle, die den Anforderungen der Bauwirtschaft Genüge leistet, im Detail technisch voranzutreiben und dabei auch gleich Anforderungen an neue Datenarten zu berücksichtigen, stimmten fast 90 % der Teilnehmer voll oder überwiegend zu. „Wir haben eine neue Aufgabe bekommen“, fasste Peter Guttenberger dieses deutliche Votum zusammen. Mehr als 75 % der Befragten nannten im von Peter Schmid (Max Bögl Transport und Geräte GmbH & Co KG) moderierten Workshop „Telematik / Anbaugeräte“ die Lokalisierung und Identifizierung von Anbaugeräten per Tracking & Tracing als sehr wichtig bzw. wichtig. Den Herstellern wird jedoch aufgegeben, robuste Tracker mit langer Batterielaufzeit zu produzieren, deren Preise auch in Relation zum Wert günstiger Anbaugeräte stehen. Eine deutliche Mehrheit von mehr als 75 % wünscht die Übertragung von Daten des Anbaugeräts in das Trägergerät, gut die Hälfte spricht sich für die Übertragung dieser Daten in die Cloud aus.

Rund 80 % der Befragten des Workshops „Angebots-und 3-D-Auftragsdaten“, der von Heiko Karstedt(Strabag BMTI GmbH & Co. KG) geleitet wurde, ist sind überwiegend der Meinung, dass die Disposition durch Auftragsdaten unterstützt werden kann. Mehr als 60 % gaben an, bisher keine oder nur in sehr geringem Maße BIM-Modelle zu bauen oder vom Bauherrn zu erhalten. „Im Workshop ‚Baulogistik / Warenwirtschaft‘ wurde die Notwendigkeit deutlich, Schnittstellen und Plattformen zu schaffen, die einen Austausch ermöglichen“, sagte Workshop-Leiterin Carolin Schwarz (Max Bögl Stiftung & Co. KG). Die aktuelle Kommunikationsqualität zwischen Baustelle und Disposition schätzten die Teilnehmer als verbesserungswürdig ein. Peter Gutenberger stellte zu Ergebnissen dieses Workshops fest, dass der VDBUM das Thema Warenwirtschaft künftig stärker begleiten sollte.

Mehrheit für digitalen Zwilling

Die Dokumentation aller Betriebsdaten einer Baumaschine zur Gewinnung weiterer Erkenntnisse erachteten fast alle Teilnehmer des von Martin Kuhn (Strabag BMTI GmbH & Co. KG) moderierten Workshops „Werkstatt- und Gerätedisposition / Digitaler Zwilling“ als sehr wichtig oder wichtig. Die derzeitige Versorgung mit Stammdaten durch die Hersteller und auch der Ressourceneinsatz zur Stammdatenverwaltung im Unternehmen sehen die Teilnehmer als mittelmäßig an. Die Mehrheit sieht die Notwendigkeit, zu jeder Baumaschine einen digitalen Zwilling zu führen und würde bei einer Veräußerung den digitalen Zwilling in vollem Umfang bereitwillig mitliefern. Michael Radwe (Zeppelin Lab GmbH), der den Workshop „Datenformate / Systemarchitektur“ leitete, zeigte sich sehr erfreut über den hohen Wissensstand der Teilnehmer, die die Cloud mehrheitlich als Datenspeicher und Kollaborationsplattform nutzen würden und die einheitliche Bereitstellung von ERP-Schnittstellen als wichtig erachten.

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VDBUM-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Jan Scholten erklärte, dass der Verband die Ergebnisse nun analysieren werde. Eine Fortführung der Veranstaltung erwarte er eher in kleineren Expertenkreisen. Beeindruckt zeigte sich Scholten vom sehr jungen Teilnehmerkreis in den IT-Gesprächsrunden des ersten Veranstaltungstages. „Diese Generation wird die Lösungen entwickeln und umsetzen. Wir müssen die jungen Leute an uns binden und ihre Denkweisen verstehen.“ Der Großteil der Besucher hatte am Branchentreff teilgenommen, um sich ein Bild zu machen, wo die Digitalisierungsmaßnahmen des eigenen Unternehmens einzuordnen sind und sich mit anderen Verbandsunternehmen zu vernetzen, um für die anstehenden Aufgaben gerüstet zu sein.

Quelle: V D B U M

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